Biografie von
Richard Deeken
Dr. Richard Deeken (* 16.
Juni 1874
in Westerstede/Oldenburg als Sohn des
1878 verst. Oberamtsrichters Justizrat Leonard Deeken; † 28.
August 1914 in Arracour/Frankreich, an den Folgen der
Verwundung in der Schlacht von Serres)
Leutnant beim 1.
Westfälischen Feldartillerie-Regiment No.7 in Wesel, Gründer der
Deutschen Samoa Gesellschaft in Berlin
und ihr Pflanzungsdirektor auf Samoa, Schriftsteller, Direktor der
Forst- und Kolonialschule in Miltenberg/Main, Herausgeber des "Weltkunde-
und Weltwirtschaftsanzeigers".
Leben
Nach dem Abitur ab 1893 in der
Offizierslaufbahn, mit Berufung an die neue Kriegstechnische
Akademie in Berlin und u. a. dortige Ausbildung zum Dolmetscher für
Englisch, Französisch und Italienisch mit Aufenthalten in Amerika und
Belgien. Zusammen mit seinem Prof. Dr. Rothenbücher verfasste er den
„Englischen Militärdolmetscher" für die Akademie (und den Boxeraufstand
in China).
1900 zwang ihn der Ausbruch einer
lebensbedrohlichen Erkrankung der Lunge zu einem neunmonatigen
Aufenthalt in Italien und Portugal (bezahlt aus der Kasse der
Regimentsprinzessin) und danach zu einer einjährigen Reise in die
Südsee. Zu deren Finanzierung beschaffte er sich Sammlungsaufträge
von deutschen Museen, bes. des Berliner Museums für Naturkunde, schrieb
Berichte für deutsche Zeitungen über die neuen deutschen Kolonien in der
Südsee und erhielt von dem bekannten deutschen Konsul Kunst einen
Inspektionsauftrag für dessen Pflanzungen auf Hawai´i und Samoa. Er
reiste über Hawai´i, Australien, Neuseeland nach Samoa, bereiste die
Marschall Inseln, die Karolinen- und Palau-Inseln.
1901 Rückkehr nach Deutschland.
Aus Gesundheitsgründen Abschied vom Militärdienst und Stellung „à
la suite" als Reserveoffizier. U. a. wegen seines Asthmas dringende
Empfehlung der Ärzte, das Klima in Deutschland zu meiden, um zu
überleben. Vortragsreisen durch ganz Deutschland, um für die
Gründung einer Aktiengesellschaft, der Deutschen Samoa Gesellschaft,
zu werben und sich so eine neue Existenzgrundlage zu
schaffen.
1902 gründete er in Berlin die
Deutsche Samoa Gesellschaft (DSG), eine Aktiengesellschaft zum
„Zwecke des Kakaoanbaus", deren Direktor auf Samoa er von 1902-1910 war.
Ein anderer Direktor leitete die DSG in Berlin. Da die stolzen Samoaner
nicht regelmäßig auf fremden Pflanzungen arbeiten wollten, die
eingeführten melanesischen Arbeiter nur auf den Pflanzungen der
Deutschen Handels- und Plantagen Gesellschaft (DHPG) arbeiten durften,
holte Deeken mit Erlaubnis der Regierung in Berlin einen Transport
mit 300 chinesischen Kontrakt-Arbeitern aus China nach Samoa, wie es
aus den englischen Kolonien und vom Bau der Ost-West-Eisenbahnstrecke
quer durch Nordamerika bekannt war. 200 Arbeiter gab er an andere
Pflanzer weiter. Da die Chinesen sich gut bewährten, übernahm die
Kolonialregierung von Samoa schon die nächste Anwerbung und den
Transport aus China drei Jahre später.
1903 Geburt seines ersten Kindes
von seiner vor der Ausreise 1902 geheirateten Frau Elisabeth, geb. Boese,
Tochter des Geheimen Sanitätsrates Dr. Eduard Boese aus Köln. Else,
Josepha, Moana wurde die Patentochter des letzten Königs von Samoa:
Mata'afa Josefo.
1904 gründeten die deutschen
Pflanzer unter dem Vorsitz von Deeken einen genossenschaftlichen
Pflanzerverein, (neu auch die Chinesenkrankenkasse), um die
Interessen der Handvoll kleiner Pflanzer, die es ohnehin in der jungen
Kolonie Samoa schwer hatten, gegenüber dem Gouverneur Dr. Solf besser
vertreten zu können, da Solf die große DHPG favorisierte, die im
Gegensatz zu den Pflanzerfamilien kaum Schwierigkeiten hatte. Die
chinesischen Arbeiter waren für die Pflanzer kostbar, nicht
nur wegen der teuren Reisegelder und Gebühren, sondern auch besonders
wegen des tropischen Wachstums des Unkrautes in den Pflanzungen, das
alle angebauten Nutzpflanzen in großer Geschwindigkeit zu überwuchern
drohte. Ein Krankenhaus für die Chinesen wurde noch vor dem
Krankenhaus für die Deutschen gebaut. Später gab es sogar einen
Chinesischen Konsul auf Samoa.
Wenn sich der einzelne Chinese bewährte,
konnte er seinen Vertrag nach drei Jahren auf Samoa verlängern
und auch eine Samoanerin heiraten sowie für immer auf Samoa
bleiben. Heute liegt das Geschäftswesen von Samoa fast
ausschließlich in den Händen der Nachfahren dieser Kontraktarbeiter. Die
Nachfahren der isoliert gehaltenen melanesischen Arbeiter, die auf den
Pflanzungen der großen Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft
gearbeitet hatten, bilden noch heute eine sehr arme Unterschicht auf
Samoa.
1904 Konflikte mit Gouverneur Dr.
Solf wegen ungerechter Behandlung der deutschen Pflanzer,
aber auch z. B . wegen der Unzufriedenheit der Pflanzerfamilien über die
englische Unterrichtssprache in den englischen ev.
Missionsschulen in einer nun deutschen Kolonie. Die französische
katholische Maristen-Mission stellte sich um und ließ jetzt Brüder für
Samoa im neu gegründeten Maristenkloster in Meppen ausbilden.
1904 Prozess wegen
Beleidigung des kaiserlichen Gouverneurs Dr. Solf und
Gefängnisstrafe im neu erbauten
Gefängnis für Weiße auf Samoa. Teilbegnadigung durch den
Kaiser, als Ehrenhaft auf der Festung Ehrenbreitstein
bei Koblenz durch die Intervention des Großherzogs von Oldenburg,
(dessen Orden Deeken u.a. trug), mit Unterstützung des bekannten Führers
des Zentrums im Reichstag Matthias Erzberger und des Leiters der Kölner
Zentrumspartei Trimborn im Reichstag, einem Cousin von Deekens Frau, die
wie eine Löwin für ihren Mann kämpfte. In einem Schreiben
vom 2. August 1905 aus dem Auswärtigen Amt in Berlin -
Kolonialabteilung hieß es dann wörtlich: “.…in Apia vom 3.
August 1904 gegen Sie erkannte Gefängnisstrafe von zwei Monaten
in Gnaden in eine Festungshaft von gleicher Dauer
umzuwandeln….“
Dies alles geschah
am "Vorabend" der sogenannten Hottentottenwahlen
im Deutschen Reichstag.
Die Post kam einmal im Monat in Apia an
und war dann 50 Tage alt, ebenso die Zeitungen!
Die Funkverbindung wurde Ende Juni 1914
nach Deutschland von einer neuen, großen Funkanlage auf einem Berg bei
Apia aus möglich.
Der einzige Bruder
von Richard Deeken, der spätere Major Dr. jur. Matthias Deeken, traf im
November 1904 in Samoa zu Hilfe der verzweifelten Familie Deeken ein.
Hintergründe des
Prozesses:
„Deeken konnte als Einziger in
der Kolonie Samoa Solf das Wasser reichen!“ (Interview mit dem
austral. Professor Dr. Peter Hempenstall, dem nach
Jahrzehnten erst zweiten Biografen von Dr. Solf). Um
seinen stärksten Widersacher, der auch noch gute Verbindungen zur Presse
in Deutschland und zum Deutschen Reichstag hatte, zum Weggang aus Samoa
zu zwingen, initiierte Solf über seinen chinesischen Koch eine
Revolte einiger der chinesischen DSG-Kontraktarbeiter, die
nachts vor dem Direktionsgebäude im großen Pflanzungsbezirk, 800 m hoch
einsam in den Urwaldbergen gelegen, Deeken und seine junge Familie
bedrohten . Daraufhin vertrieb Deeken sie in seiner Not mit
einer Kutscherpeitsche. Dies wurde ihm dann als schwere
Misshandlung
ausgelegt, und er wurde vor dem Kaiserlichen Obergericht
in Apia angeklagt, dessen oberste Gewalt der Gouverneur hatte, ebenso
wie über die Zeitung. Als Deeken über die Hintergrundrolle von Solfs
chinesischem Koch aussagte, wurde er außerdem wegen Gouverneursbeleidigung
angeklagt!
Die Information bekam Deeken
von einem besonders zuverlässigen chinesischen
Hausangestellten, der das besondere Vertrauen der Familie
genoss, denn ihm wurden die Kinder der Familie anvertraut, die ihn
besonders liebten, wie mir noch mein Vater als Kindheitserinnerung aus Samoa erzählte. Er hatte nie
vergessen, dass er sie auf seinem Rücken reiten ließ, und sie sich dabei
an seinem langen Zopf
festhalten durften. Das samoanische Kindermädchen war auch
wichtig, aber es kam eben nur dann morgens aus seinem Dorf herauf , wenn
es - nach Art der Samoaner - Lust und Laune dazu hatte. Später wurde ein
deutsches Fräulein als Erzieherin eingestellt. Der treue chinesische
Kinderhüter
bekam zum Abschied der Familie Deeken 1910 ein besonderes
Familien-Dankesgeschenk, und es ist überliefert, dass beide Seiten sehr
trauerten.
Das neuerbaute Gefängnis für
Weiße, mit Wellblechdach unter der Tropensonne (wie in der
„Brücke am Kwai“) hätte bei zwei Monaten Haft für Deeken - mit seiner
immer noch schwachen Lunge -
den Tod bedeuten können.
Diesem Prozess war z.B. vorangegangen,
dass der Gouverneur die englische Hebamme, die zwei Reitstunden entfernt
von Apia oben in den Bergen im einsam gelegenen Direktionsgebäude
Deekens Frau bei der Geburt des zweiten Kindes im Mai 1904 beistand,
nach Apia zurückbeorderte, um eine Urkunde in einer Familiensache zu
unterschreiben. Glücklicherweise hatte sie den Mut und konnte es sich
als Engländerin leisten,
sich diesem Befehl zu widersetzen, „weil sie eine Wöchnerin mit
einem Neugeborenen und einem einjährigen Kleinkind nicht im Stich
lassen“ wollte.
Ein anderes, vorhergehendes Beispiel
waren die plötzlichen, großen Schwierigkeiten für Deeken, die
Pferdefuhrwerke mit der täglichen Nahrung für seine 100
chinesischen Arbeiter hinauf in die Pflanzungen zu bekommen,
denn eines Tages wurden beide Zufahrtswege gesperrt, da
auf beiden gleichzeitig Wegearbeiten auf Anordnung des
Gouverneurs ausgeführt wurden. Da es noch kein Telefon gab,
wurden alle Nachrichten auf Papier nach Apia hinuntergeschickt, die aus
einem Durchschreibebuch herausgetrennt wurden. Im Buch zurück blieben
die Durchschläge, und diese sind bis heute, zusammen mit einem zweiten
Buch, als einmalige Zeugnisse erhalten. Auch alle Nachrichten an Deekens
Manager des DSG- Stores sind darin, denn in dem großen Store gab es vor
allem die mit Schiffen teuer aus China eingeführten
Lebensmittel, Werkzeuge und erlaubter Weise Opium, alles, was
die anfangs 300 chinesischen, sehr fleißigen und zuverlässigen
Kontraktarbeiter brauchten, um in der Fremde zu arbeiten.
Heute wird auf den ehemaligen
Pflanzungen der Deutschen, die nun dem samoanischen Staat, der
WESTEC gehören, weiter der besondere Kakao angebaut,
der damals von den deutschen Pflanzern für die dortigen Klima- und
Bodenverhältnisse herausgezüchtet wurde, und dieser Kakao gilt, neben
dem aus Venezuela als der Weltbeste. Er ist so
wertvoll, dass er nur zur Verfeinerung der teuersten Schokoladen und
Pralinen eingekauft wird!
Dr. Solf verdanken die Samoaner
die damals größte zusammenhängende Kokospalmenpflanzung der südlichen
Hemisphäre, da jeder Samoaner verpflichtet wurde, pro Jahr
eine Kokosnuss zu pflanzen. Auch diese Pflanzungen brachten den
Samoanern jahrzehntelangen Gewinn und fielen mir 1985 durch ihre in Reih und
Glied stehenden Palmen auf - und muteten typisch deutsch an!
Die Gesamteinwohnerzahl betrug im Jahre 1914 über
32.000 Samoaner.
1905 machte Deeken mit
seiner Frau und seinen auf Samoa geborenen zwei kleinen Kindern
die achtwochenlange Schiffsreise nach Deutschland, um die
zweimonatige Ehrenhaft (Anwesenheit nur nachts in den
Offiziersstuben) anzutreten, während die Familie bei den Großeltern Dr.
Boese in Köln nahe dem Kölner Dom Urlaub machte. Unverzögerte Heimkehr
zu den Pflanzungsbezirken der Deutschen Samoa Gesellschaft nach Apia auf
Samoa.
Mit den stellvertretenden Gouverneuren
Dr. Schnee und Dr. Schultz-Ewert während Dr. Solfs Reisen
keinerlei Schwierigkeiten für die deutschen Pflanzer.
1908 Wahl Deekens in den
Gouvernementsrat von Samoa. Daraufhin Rücktrittsgesuch des
Gouverneurs Dr. Solf an den Kaiser wegen Vertrauensverlusts in der
deutschen und englischen Bevölkerung.
Daraufhin Deekens Verzicht auf die
Position im Gouvernementsrat.
1910 Rückkehr nach Deutschland und
Ansiedlung in Miltenberg/ Main, wo es alle notwendigen Schulen für
Deekens fünf Kinder gab. Bau eines großen Landhauses in einem
weiten ehemaligen Weinberg über dem Main in einer gesundheitlich
günstigen Windlage, noch heute im Familienbesitz (denkmalgeschützt) und
Fundort von ca. 1000 Seiten Kolonialakten in alten
Aluminium-Reisetruhen aus Samoa, ( vom Bundesarchiv Koblenz zur
endgültigen Archivierung gewünscht und u. a. von unschätzbarem Wert für
meine Dissertation!)
1911 - 1914 Studium der
Kolonialgeographie, der tropischen Landwirtschaft sowie der
Kolonialpolitik und Promotion an der Maximilian-Universität zu
Würzburg („Die Bodennutzung auf Samoa" - mit Magna cum laude).
Deekens Ziel war es, in die Kolonialpolitik zu gehen.
Herausgeber des „Weltkunde- und
Weltwirtschaftsanzeigers".
1912 Mitbegründer und einer der
beiden Direktoren der Forst- und Kolonialschule in
Miltenberg/Main mit Lehrtätigkeit. Nach dem 1.Weltkrieg noch
Jahrzehnte als Forstschule fortgeführt.
Im Herbst 1913 bis zum Frühjahr 1914
Deekens vierte und letzte Schiffsreise um die Welt nach Samoa als
Vorstandsmitglied des Aufsichtrates der Deutschen Samoa Gesellschaft zur
Inspektion der dortigen Pflanzungsbezirke, dazu Bereisung der
Tonga- und Fidji-Inseln, des Bismarck-Archipels und „des Festlandes
von Neuguinea".
1914 Handschriftliche Anmerkung
unter Deekens Dissertation: „Die mündliche Prüfung fand am 25.
Juni 1914 statt."
1914
Ausbruch des Ersten Weltkrieges und früher Tod Deekens an der Westfront
am 28. August 1914. Seine Frau Elisabeth ( Else) Deeken zog ihre sechs
kleinen Kinder in Kriegs- und Hungerszeiten allein groß. Der Besitz auf
Samoa war verloren. Sie setzte das umfangreiche schriftstellerische Werk
ihres Mannes fort, der trotz seiner immensen praktischen
Arbeitsanforderungen, bes. auf Samoa, es noch geschafft hatte, insgesamt
6 Bücher und 135 Abhandlungen, Aufsätze und Artikel, bes. zur
Kolonialgeografie, der tropischen Landwirtschaft und Kolonialpolitik, zu
verfassen. Außerdem wurde er
in ganz Deutschland zu Vortragsreisen mit seinen außergewöhnlichen
Lichtbildern aus den neuen Südseekolonien eingeladen.